Was Sie hier lernen: 

1. Auch, wenn es kaum zu glauben ist: Echte Verbindung braucht Grenzen. 

2. Jeder ist für sich selbst verantwortlich, wie er ein Nein hört - das liegt nicht in der Verantwortung derjenigen, die nein sagt.

3. Jeder noch so kleine Widerstand ist er wert, angeschaut zu werden. 

Wie Grenzen echte Verbindung erst möglichen 

Aber darf ich das überhaupt - Nein sagen?

Der Immobilien-Gutachter hatte sich für 10.15 Uhr angekündigt - um 9.30 Uhr stand er bereits vor der Tür. Er will Fotos der Wohnung machen. Kim* und Alex sitzen da allerdings noch am Frühstückstisch. Alex hatte bei Kim übernachtet und sie genießt die friedliche Frühstückzeit mit ihrem Freund jedes Mal auf Neue. Das ist etwas, das sie in ihrer Herkunftsfamilie nie erlebt hat, deswegen wertschätzt sie die Verbindung und Ruhe mit Alex sehr. 

Als der Gutachter 45 Minuten vor der vereinbarten Zeit eintrifft, merkt Kim ihren Widerstand. Sie ist genervt und frustriert, weil sie sich auf Termine verlassen will. Sie mag Struktur und Berechenbarkeit und möchte professionell mit Dienstleistern zusammenarbeiten. Dazu gehört für Kim Pünktlichkeit. An der Tür sagt sie dem Gutachter deswegen, dass sie jetzt noch keine Zeit für ihn hat und er zum vereinbarten Zeitpunkt wiederkommen soll. 

Dann kommt der Zweifel

Zurück am Frühstückstisch fühlt sich ein Teil von ihr stolz, weil sie sich um sich gekümmert hat. Ein anderer Teil zweifelt - hätte sie nicht einfach ihr Frühstück unterbrechen können und dem Gutachter einen Gefallen tun? Gleichzeitig weiß Kim: Wenn sie das gemacht hätte, wäre sie währenddessen ruppig gewesen und hätte ihr Frühstück danach nicht mehr so genießen können. Deswegen sagt sie dem zweifelnden Teil: “Ich verstehe, dass du dich für Verbindung und Freundlichkeit einsetzt, und gleichzeitig bitte ich dich, mir zu vertrauen, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.” 

Das Frühstück endet, Alex fährt zu sich nach Hause, der Gutachter klingelt 45 Minuten später wieder, und Kim merkt, dass sie ihm die Tür jetzt mit Entenfütter-Energie aufmacht. So nennt es der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation, Marshall Rosenberg, wenn man eine Bitte aus vollem Herzen und Lust am Beitragen erfüllt. Die Atmosphäre ist locker, der Gutachter bewundert Kims Hutsammlung im Flur und erzählt, dass er selbst historische Schuhe sammelt. Dann prüft er noch, ob ein schiefer Heizkörper sicher in der Wand verankert ist. Hätte er das auch getan, wenn Kim ihn vorher grummelig rumgeführt hätte? 

Eine schöne Begegnung

Die beiden sind in Kontakt, der Gutachter ist nicht sauer, dass Kim seine Bitte abgelehnt hat, früher zu kommen. Die Begegnung endet ohne Groll, den Kim sonst wahrscheinlich noch ein paar Stunden mit sich rumgeschleppt hätte. Und der zweifelnde Teil in ihr staunt: “Wow - du hast nein gesagt und gerade dadurch für eine gute Verbindung gesorgt!”

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* Ich nenne im Verständlich-Blog alle Personen Kim und Alex. So kann ich Geschichten aus meinem Umfeld erzählen und die Privatsphäre derjenigen schützen, die berichten.