Was Sie hier lernen: 

1. Connection before correction.

2. Menschen verändern sich am ehesten, wenn man sie nicht verändern, sondern wirklich verstehen will.

3. Jeder Mensch hat gute Gründe für sein Verhalten.

Erst unsympathisch, dann verbunden

Wie empathisches Zuhören Verbindung schafft, wo keine war

Als ich die ersten Texte von Alex* las, war ich genervt und verschlossen. Als ich zum ersten Mal mit ihm gesprochen habe, war ich ergriffen, tief verbunden und habe sogar geweint. Wie ist das möglich: Mit jemandem zu sprechen, der einem absolut unsympathisch ist, und dabei Verbindung fühlen?

Ich habe Alex bei der Aktion “Deutschland spricht” kennengelernt. Bei der Aktion von Zeit, NDR und anderen Medien werden Menschen mit unterschiedlichen Meinungen zusammengebracht, die dann nur eine Aufgabe haben: einander zuhören. Wir haben uns auf Zoom verabredet und über geschlechtergerechte Sprache geredet. Also eine Sprache, die Frauen sichtbar macht. Für ihn der Gipfel der Überflüssigkeit, für mich absolut notwendig. Für mich war das Gespräch ein Test: Wie lange kann ich einem Menschen empathisch zuhören, ohne unter Druck zu geraten? Ich wollte seine “guten Gründe” hören, also, welche Bedürfnisse er sich mit seiner Strategie erfüllen will. Eine halbe Stunde habe ich es geschafft: Keine Bewertungen, keine Analysen, keine Ratschläge, keine Geschichten von mir. Stattdessen habe ich ihm regelmäßig gesagt, was bei mir angekommen ist - welche Gefühle ich bei ihm gehört/gefühlt habe und welche Bedürfnisse er sich möglicherweise damit erfüllen will. 

Ich lernte Alex´ gute Gründe kennen

Und ich lernte: Alex fühlte sich eng und unter Druck, weil er vor lauter Regeln im Leben zu wenig Freiheit hat. Er war besorgt, weil für ihn zu viele Regeln dafür sorgen, dass es weniger Veranstaltungen gibt, und so die Gemeinschaft leidet. Und er fühlte sich traurig, weil er bei zu vielen Regeln immer weniger Freude an seiner Arbeit hat. Das reicht von Vorschriften des Eichamtes über solche des Ordnungsamtes bis hin zur Stadtverwaltung - und jetzt kommen auch noch Menschen und wollen Sprache reglementieren. Das fange beim N-Wort an und gehe bis zu für ihn unverständlichen Fantasie-Endungen, die alle Geschlechter einschließen sollen.

In den 30 Minuten, die ich komplett bei ihm blieb, war er immer wieder erstaunt, wie genau ich verstanden hatte, was er meinte. Dass ich ihn hörte, ohne ihn zu verurteilen. Dann merkte ich, dass ich jetzt auch mal gehört werden will und fragte ihn, ob er dazu jetzt Lust hat. Ich erzählte, dass es für mich wegen meiner Familiengeschichte sehr anstrengend war, dahin zu kommen, wo ich jetzt bin. Und dass ich frustriert und wütend bin, weil ich mich als Frau immer mehr anstrengen muss als Männer, um dasselbe zu erreichen. Dass ich mir Unterstützung wünsche, indem Frauen sprachlich sichtbar gemacht werden, damit sie bei politischen Prozessen berücksichtigt werden. 

Immer wieder zurück zum Zuhören

Ich bat Alex immer wieder, zu sagen, was jetzt bei ihm von mir angekommen sei. Als er so zeigte, dass er gesehen hat, wie anstrengend mein Weg für mich bis jetzt war, fühlte ich mich gesehen und berührt. Zwischendurch fiel Alex immer wieder ins Analysieren. Dann sagte ich ihm, dass ich mich so weniger verbunden fühlte mit ihm, und bat ihn, beim Wiedergeben zu bleiben. 

90 Minuten haben wir gesprochen. Ich habe mehr Verständnis für Menschen, die Gendern ablehnen, und er hat mehr Verständnis, warum es mir so wichtig ist. Ein paar Tage später hat er mir sogar noch eine Nachricht geschickt über eine öffentliche Toilette, die für Männer kostenlos ist, für Frauen aber nicht. Und wie sehr ihn das aufregt. Unser Gespräch hat bei ihm Offenheit erzeugt, gerade, weil ich ihn nicht ändern wollte. Er sagte: So sehr verstanden habe er sich nicht mehr gefühlt, seit er mit zehn bei einer Jugendgruppe mit einer Psychologin gesprochen hat. Ich sagte ihm, dass es für mich harte Arbeit war, so zuhören zu können. Und dass das jeder lernen kann: Die Methode/Haltung heißt Gewaltfreie Kommunikation. 

Wenn Sie gerne eine Einführung in Gewaltfreie Kommunikation möchten, oder erste Kenntnisse in einer Übungsgruppe vertiefen, schreiben Sie mir gerne.

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* Ich nenne im Verständlich-Blog alle Personen Kim und Alex. So kann ich Geschichten aus meinem Umfeld erzählen und die Privatsphäre derjenigen schützen, die berichten.